Leserbrief zum Artikel Schloss-Chor aus der SZ Sa/So, 6./7. Juli 2002, Nr. 154

Ignoranz oder Unwissen?

Döllgasts Pinakothek mit der Entscheidung, das Berliner Stadtschloss in seinem historischen Erscheinungsbild wiederaufzubauen miteinander zu vergleichen, lässt einen der großen Baumeister der neuen Sachlichkeit wohl mehr als nur rotieren in seinem Grab. Diese Äußerung von Walter Kempowski zeugt entweder von exorbitanten Lücken im Wissen über Architektur- und Kulturgeschichte, oder ist ein Zeichen dafür, daß eine neue Form des Konservativismus nun auch in Deutschland endgültig Einzug gehalten hat, wir nun auch Opfer eines "Neoneohistorismus" werden, all unsere kulturellen Errungenschaften der Moderne über Bord werfen. Wenn dem so ist, gute Nacht Deutschland...

Alexander Bachmann, Dipl.-Ing. (FH) Architekt

 

 

Kommentar zum Artikel "Bauen für Despoten II" im baunetz vom 25.04.2008

Architektur für Despoten

Als Architekt finde ich es sehr bedauerlich, welche Richtungen die Diskussion derzeit einschlägt, wenn es darum geht für Diktaturen oder Despoten zu bauen.

Abgesehen davon, dass immer häufiger fadenscheinige ökonomische Gründe als Argument angeführt werden, weswegen man als Architekt auch die Aufträge von Despoten oder Diktaturen annehmen müsse, wird nunmehr auch immer öfter die Behauptung aufgestellt, dass durch die wirtschaftliche Einflussnahme eine Demokratisierung in den jeweiligen Staaten erreicht werden könnte. Tut mir Leid, aber dies ist weltfremder Unsinn und die Personen, die dies behaupten, tun dies entweder um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen oder um andere zu täuschen, sich weiter zu bereichern. Dass sie tatsächlich so naiv sind, solche Aussagen selbst zu glauben, ist wohl eher unwahrscheinlich. Es gibt kein einziges Beispiel in der mir bekannten Geschichte, in dem wirtschaftliche Einflussnahme oder Verquickung zu einer Demokratisierung eines Systems oder Befreiung eines Volkes geführt hat!

Kann es denn richtig sein, ausschließlich ökonomische Interessen in den Vordergrund zu rücken, wenn es darum geht für Systeme zu arbeiten, die die Menschenrechte nicht einhalten, Meinungsfreiheit nicht zulassen und die Würde des Einzelnen ignorieren, nur um sich als Architekt selbst zu beweihräuchern und sich selbst zu Lebzeiten ein Denkmal zu setzen?

Ein weiteres Argument, welches von bestimmten Kollegen im Laufe dieser Diskussion gerne angeführt wird ist: "tu ich es nicht, tut es ein anderer (schlechter)..." Was ist denn das bitte für eine Legitimation? Soll das nun ökonomisch oder künstlerisch gemeint sein? Früher wurde gelehrt, sowohl im Elternhaus, als auch in der Schule, dass solche Aussagen nie die Grundlage des Handelns sein dürfen. Vielmehr sollten Wahrhaftigkeit, die Reflexion über sich selbst und die Beziehung zum Nächsten als Fundament dienen. Wenn wir das zuvor genannte Argument wirtschaftlich entschuldigend verstehen, wird es wirklich erbärmlich. Dann entspräche es in seiner Logik dem Zynismus von Waffenhändlern und deren Lobbyisten. Selbst bei dem Versuch die Argumentation aus einer künstlerischen Perspektive zu betrachten, wird sie nicht erträglicher, da sie den schalen Beigeschmack von Arroganz und Überheblichkeit eines Narzissten erhält.

Sobald Menschen unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und dabei um ihr Leben fürchten müssen, oder abertausende zwangsumgesiedelt werden, ist der Preis "guter" Architektur zu groß. Auch sollte die Funktion und der Ort des zu bauenden Gebäudes sorgfältig geprüft und hinterfragt werden: So sind Prachtbauten (Stadien und Paläste) für Regime, systemstützende Funktionsbauten (Fernseh- oder Radiosender) oder systemglorifizierende Bauten auf schicksalsträchtigen Orten (z.B. Platz des himmlischen Friedens) meines Erachtens nach moralisch überhaupt nicht tragbar.

Abschließend noch zu der These, bzw. Hoffnung "gute" Architektur würde die Menschen verändern. Auch hier scheint es sich eher um eine Scheinargumentation zu handeln: die betroffenen und unterdrückten Menschen würden sich unter dem Einfluss herausragender Architektur über die Jahrzehnte, Jahrhunderte vielleicht ändern und beeinflussen lassen. Das System aber, welches genau diese Architektur bestellt hat, doch wohl sicher nicht. In diesem Zusammenhang stellt sich damit mehr die Frage, ob sich der Künstler vom System nicht hat instrumentalisieren lassen, dies vielleicht sogar wissentlich. Weder während des Architekturstudiums, noch bei der Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, ist mir je davon zu Gehör gekommen, dass Kunst oder Architektur tatsächlich zur Demokratisierung oder Befreiung eines unterdrückten Volkes geführt hätten. Vielmehr ist es auch hier so, dass alle Diktatoren, Despoten und "Unrechtssysteme" ihre mehr oder minder willigen Helfer bzw. Unterstützer unter Künstlern und Architekten fanden, die für ihre Tätigkeit währenddessen und, oder im Nachhinein immer eine Rechtfertigung und Entschuldigung fanden.

Wäre es nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht endlich an der Zeit, so selbstverantwortlich, selbstreflektiert und ehrlich, wahrhaftig zu sein, dass Entschuldigungen nicht mehr nötig sind?

Alexander Bachmann, Dipl.-Ing. (FH) Architekt

 

 

Kommentar zur Schlossdiskussion vom 10.02.2009

Gedanken zur Rekonstruktion Berliner Schloss

Bei allen Diskussionsbeiträgen, sei es das Ergebnis des Wettbewerbs, die rigide Auslobung im Vorfeld, die Fragestellung nach Rekonstruktion oder Neuentwurf, gerät eines in Vergessenheit: es wird immer vom Berliner Schlossprojekt gesprochen.

Zur Erinnerung: Schlösser waren die Macht- und Regierungszentren der vergangenen Jahrhunderte. Wir reden hier von Monarchien, von Feudalsystemen, in denen in aller Regel der kleine gemeine Mensch nur wenig Rechte, geschweige denn Besitztümer hatte.

Die Fürsten konzentrierten im Laufe der Zeit immer mehr Macht in ihren Händen und brachten diese durch repräsentative Bauten zum Ausdruck, dem Schloss, als groß angelegtes, künstlerisch gestaltetes, stattliches Gebäude, das dem Landesherrn oder anderen Mitgliedern des Adels bestenfalls als Wohnsitz, mindestens jedoch als Statussymbol diente. Im Endeffekt natürlich immer auf Kosten des einfachen Mannes, des Untertanen.

Besonders frag- und merkwürdig bei der Diskussion um das Berliner Stadtschloss ist aber vor allem, dass eine freiheitliche, parlamentarische Demokratie beschließt, das Symbol des preußischen Absolutismus, der von Militarismus, Zensur, Expansionspolitik, Imperialismus und Restauration geprägt war, wieder aufzubauen. Übrigens nun doch wieder auf Kosten des einfachen Mannes, des Bürgers.

Im Übrigen möge man bei solchen Beschlüssen auch an die Symbolkraft des Ortes denken: z.B. die Balkonreden an die Berliner Stadtbevölkerung, so am 31. Juli und 1. August 1914, aus Anlass der Generalmobilmachung und des Beginns des 1. Weltkriegs...

Der Palast der Republik, zunächst für 80,3 Mio EUR asbestsaniert, wird als Symbol eines menschenunwürdigen Staatssystems betrachtet und als eben dieses Zeichen einer Diktatur abgerissen, um an gleicher Stelle eine Kopie, ohne final durchdachtes Konzept, eines mindestens ebenso fragwürdigen Aparates wieder aufzubauen.

Rekonstruktion an sich muss nicht schlecht sein, gutes Beispiel: die Dresdner Frauenkirche. Es sollte nur unbedingt immer der Ort, die Zeit, die Zusammenhänge und die Funktion ehrlich und sensibel berücksichtigt werden. Das Gebäude sollte dem Hier und Jetzt dienen und bei der Realisierung sollte sorgfältigst mit den Steuergeldern umgegangen werden. Dies geschah hier, beim Berliner Stadtschloss eindeutig nicht!

Alexander Bachmann, Dipl.-Ing. (FH) Architekt